Es gibt kaum zwei andere Autoren der deutschsprachigen Moderne, bei denen das Verhältnis von Sprache und Leben so intensiv, so gegensätzlich und in so engem Bezug aufeinander verhandelt wird wie bei Friedrich Nietzsche und Franz Kafka. Für Nietzsche, den ‚gefährlichen Denker' und das ‚Dynamit' der christlich-abendländischen Werteordnung, wie für Kafka, den ‚Dichter der Angst' und Experten für Arbeiter-Unfallversicherung, bilden die biopolitischen Dispositive des heraufkommenden Wohlfahrtsstaates und die Verschiebungen, die der Historismus für die Ökonomie des Wissens und die Massenpresse für die Ökonomie der Rede bedeuten, eng aufeinander bezogene Faktoren des Problemgefüges, das ihre Schreibprojekte hervortreibt. Für beide stellt der Doppelcharakter sprachlicher Überlieferung: als Sicherung des kollektiven Lebens und als Unterwerfung des individuellen, eine zentrale schriftstellerische Herausforderung dar, und beide begreifen die daraus resultierende Riskanz einer radikalen Umschrift der durch Lektüre angeeigneten Tradition als ethisches Problem.
Die Konferenz zielt darauf ab, die beiden Antworten auf jene Herausforderung und auf dieses Problem vor ihrem jeweiligen biographischen und zeitgeschichtlichen Hintergrund gegeneinander zu kontrastieren und sie zugleich als — bis heute gültige — paradigmatische ‚Haltungen' im diskursiven Feld der Moderne sichtbar werden zu lassen. Ihre vier Brennpunkte bilden (1) das Verhältnis von Lektüre und Textproduktion (jeweils begriffen als Praxis bzw. Verfahren und als Bestand von Texten) bei Nietzsche und bei Kafka, (2) die je spezifischen Interventionsstrategien in die biopolitische Lebensschrift, die sich mit den beiden Schreibprojekten verbinden, (3) Kafkas Rezeption und Umschrift ‚Nietzsches', d.h. des Werkes und seiner diskursiven Folgen, den vielfältigen ‚Nietzscheanismen' seiner Zeit, und (4) die aktuellen Projekte bzw. Experimente der ‚Remediatisierung' (J. Bolter) der Lebensschrift-Interventionen um 1900. Insbesondere aus der Perspektive des dritten Brennpunkts erweist sich das Verhältnis der beiden Autoren als bislang weitgehend übersehene, ungemein spannungsgeladene complexio oppositorum moderner Schreib- und Lebensstrategien.
Begrüßung (R. Schmidt-Grépály; Stanley Corngold; Benno Wagner)
Moderation: Arnd Wedemeyer
Bernhard Dotzler (Regensburg)
„Nur so kann geschrieben werden.“ Zur Archäologie der Bio-Informatik
Friedrich Balke (Köln)
"Wir brauchen das Anormale, wir geben dem Leben einen ungeheuren choc durch diese großen Krankheiten ...". Nietzsches Vitalpolitik und die liberale Kultur der Gefahr
Kaffeepause
Wolf Kittler (Santa Barbara)
Deadbeat Father, the Hero of Kafka's First Novel
Gerhard Neumann (Berlin)
Flauberts und Kafkas Affe. Kafkas Bericht über den Ursprung der Kultur und dessen kulturhistorischer Hintergrund
Moderation: Stanley Corngold
Joseph Vogl (Berlin)
Lektüre – Schrift – Leben um 1900
Hubert Thüring (Basel)
Nietzsches Lektüreweisen, Schreibverfahren und Denkmethoden
Kaffeepause
Timothy Attanucci (Princeton)
Sons, Fathers, Bachelors: Kafka's Genealogies
Moderation: Joseph Vogl/Friedrich Balke
Benno Wagner (Siegen)
Die Versicherung des Übermenschen. Kafkas Akten
Philipp Theisohn (Tübingen)
Der Büßer des Geistes. Literarische Kommunikation als infektiöses Geschehen: Kafkas 'geschminkte Krankheit'
Kaffeepause
Stanley Corngold (Princeton)
Nietzsche and Kafka as Neo-Gnostic Poets
Paolo D'Iorio (Paris)
HyperNietzsche: Internet-Edition und Forschungsinfrastruktur
Abendessen der Teilnehmer und Gäste
Moderation: Benno Wagner
Arnd Wedemeyer (Princeton)
Remediating Modern Text
Timo Reinhard (Siegen)
Das Virtuelle Kafka-Bureau
Kaffeepause
Jochen Venus (Siegen)
Kafkas Legizeichen und die Medien ihrer Replika.
Semiotische Aspekte der Digitalisierung von Literatur.