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Brod, Max


  • Erwähnt (auf Seite 46-47): Hofmannsthal, Hugo von: Über Gedichte
  • Zitat

  • "Es wäre auch schwer gewesen, ihn zu bemerken, der so selten das Wort ergriff und dessen äußeres Wesen überhaupt eine tiefe Unauffälligkeit war, - sogar seine eleganten, meist dunkelblauen Anzüge waren unauffällig und zurückhaltend wie er. Damals aber scheint ihn etwas an mir angezogen zu haben, er war aufgeschlossener als sonst, allerdings fing das endlose Heim-Begleitgespräch mit starkem Widerspruch gegen meine allzu groben Formulierungen an. Von da aus kamen wir auf die Autoren zu sprechen, die wir liebten, verteidigten sie gegeneinander. Ich schwärmte für Meyrink. Im Gymnasium hatte ich mich an den Klassikern gebildet, alles 'Moderne' abgelehnt, noch in einer der Oberklassen war aber ein Umschwung eingetreten, jetzt war mir im rechten Sturm-und-Drang alles Seltsame, Ungezügelte, Schamlose, Zynische, Maßlose, Überspitzte willkommen. Kafka trat mir mit Ruhe und Weisheit entgegen. Für Meyrink hatte er nichts übrig. Nun zitierte ich auswendig 'schöne Stellen'. Eine aus dem 'Violetten Tod' von Meyrink, der Schmetterlinge mit großen, aufgeschlagenen Zauberbüchern verglich. Kafka rümpfte die Nase. Derartiges erschien ihm weit hergeholt und allzu aufdringlich; was effektvoll und intellektuell, künstlich erdacht anmutete, verwarf er (wobei er aber nie derartig katalogisierende Worte anwandte). In ihm war etwas (und das liebte er auch an andern) von der 'leise redenden Stimme der Natur', die Goethe ansprach. Als Gegenbeispiel, als das, was ihm gefiel, zitierte Kafka einen Passus von Hofmannsthal: 'Der Geruch nasser Steine in einem Hausflur'. Und er schwieg lange, setzte nichts hinzu, als müsse dieses Heimliche, Unscheinbare für sich selbst sprechen. - Das machte einen so tiefen Eindruck auf mich, daß ich noch heute die Gasse und das Haus weiß, vor dem dieses Gespräch stattfand."

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