Das virtuelle Kafka-Bureau

Das Virtuelle Kafka-Bureau

Kein anderer moderner Autor steht wörtlicher für jenen "Wahnsinn des Schreibens", "durch den jeder Schreibende das Archiv seiner eigenen Auslöschung hinterlässt" , als der Prager Schriftsteller und Sozialversicherungsbeamte Franz Kafka. In seinem einzigartigen Schreibprojekt hat er für die Menschen und die Völker die Aufgabe übernommen, die in Theodor Herzls politischer Programmschrift ‚Der Judenstaat' dem kulturellen Organ seines Staatsgründungsprojekts, der Society of Jews, zufällt. Indem er Verfahren der Bürotechnik und der Administration mit literarischen Techniken und Effekten des Zitats, der Anspielung, des Echos etc. zu einer einzigartigen, nomadischen Textverwaltung kreuzt, wird der Schriftsteller Franz Kafka zugleich zum Schriftführer seiner Zeit. Sein literarisches Werk fungiert so als dynamisches Archiv, welches "alle Kundgebungen der Staatsmänner, Parlamente, […]gemeinden, Vereine, die in Wort und Schrift, in Versammlungen, Zeitungen und Büchern hervorkommen", sammelt und, in Überschreitung des zitierten Auftrags, miteinander in Resonanz, in hierarchielose Serien von Dialogen setzt.

Das Virtuelle Kafka-Bureau zielt darauf ab, den transtextuellen und transmedialen Raum des Kafka'schen Werks auf der Grundlage literatur-, medien- und kulturwissenschaftlicher Konzepte als digitales Arbeitsumfeld für Literatur-, Medien- und Kulturwissenschaftler sowie weitere Nutzergruppen zu erschließen. Das erste Forschungsprojekt, das derzeit mit Transcoop-Mitteln der Alexander-von Humboldt-Stiftung als deutsch-amerikanischer Forschungsverbund (Siegen/Regensburg/HU Berlin/ Tübingen und Princeton) finanziert wird, erschließt und verdatet zunächst das Feld der - intermedial verstandenen - Kafka'schen Lektüren in Form einer relationalen Datenbank (Kafkas Virtuelle Mediathek).

Ein zweites, derzeit im Aufbau befindliches Forschungsprojekt (Kafkabureau.net/LiMeS) wird eine neuartige digitale Arbeitsumgebung zur Erschließung und Verwaltung multimedialer intertextueller Räume zur Verfügung stellen. Darüber hinaus adressiert das Virtuelle Kafka-Bureau nicht nur die Literatur-, Medien- und Kulturwissenschaften, sondern es soll auch als Ressource für digitale Lernumgebungen im Bereich des Schulunterrichts (im Hinblick die Einübung von Texterschließung, Lektüretechniken, historischen Kontexten etc.) dienen.

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